Reflektionen von Hai Nguyen nach ihrem Aufenthalt in Vietnam im Herbst 2008

Mein Besuch in meinem Heimatland Vietnam hat mich tief beeindruckt. Mein letzter Besuch lag nur zwei Jahre zurück, aber Hanoi erschien mir viel überlaufener und lauter als zuvor.
Viele neue Straßen und Gebäudekomplexe verwirrten mich, aber meine Familie und meine Freunde waren mir noch so vertraut wie zuvor. Wie bei meinen vorherigen Besuchen haben Sie mich mit großer Herzlichkeit und Wärme aufgenommen.
Durch Vermittlung eines Freundes lernte ich eine sehr engagierte ehrenamtliche Mitarbeiterin einer Hilfsorganisation der United Nations, Vietnam kennen, die für mich den Kontakt zu einigen Familien mit von AIDS betroffenen Kindern herstellte.

Jede Familie lebt in einer unterschiedlichen Situation, aber fast alle Mütter wußten während  ihrer Schwangerschaft noch nichts von ihrer HIV-Infektion und freuten sich wie alle werdenden Mütter sehr auf die Geburt ihres Kindes.
Glücklicherweise kamen einige der Babies gesund zur Welt, während andere im Mutterleib mit dem HIV-Virus infiziert wurden.
Die Frage, die mich ständig beschäftigt ist: Wie kann die Zukunft dieser Kinder aussehen, wenn die vietnamesische Gesellschaft immer noch so viele Vorurteile gegen aidskranke Menschen und ihren Familien hat, sie ausgrenzt und diskriminiert.

Du und ich, wir sind vielleicht stolz darauf, einen Vater zu haben, der ein guter Arzt oder ein hervorragendender Techniker ist, eine Mutter, die eine erfolgreiche Lehrerin oder Rechtsanwältin ist. Andererseits: Wer kann stolz darauf sein, aidskranke Eltern zu haben, die ihre Erkrankung geheimhalten müssen, um nicht ihren Job und ihre ganze Existenz zu verlieren.
Eine Mutter, die von ihrem verstorbenen Mann mit dem HIV-Virus infiziert wurde erzählte mir voller Traurigkeit, daß ihr kleiner Sohn Tuan häufig nach seinem Vater frage, und sie ihm immer berichtet,  daß der Vater wichtige Geschäfte im Ausland zu erledigen hat, weil sie verhindern möchte, daß der Junge die Wahrheit erfährt und anderen Kindern weitererzählt.
Glücklicherweise ist der Junge nicht mit dem HIV-Virus infiziert und kann deshalb zur Schule gehen, solange die HIV-Infektion der Mutter nicht bekannt wird. Kindern, die an AIDS erkrankt sind, wird  es nicht gestattet, eine Schule zu besuchen, weil die Eltern der anderen Kinder um die Gesundheit  ihrer Kinder fürchten.

Die Hoffnung auf eine bessere Zukunft für ihren Sohn geben ihr Kraft, ihren Alltag zu bewältigen. Sie muß täglich über 15 km durch dichten Verkehr und Abgase mit dem Fahrrad zurücklegen, um ihre beiden Arbeitsstellen zu erreichen.

Ihre Tätigkeit als Beraterin und Betreuerin von Familien, in denen aidskranke Kinder leben,
wird nur mit 16 Euro pro Monat entlohnt, aber diese Aufgabe gibt ihr das gute Gefühl,
mit ihren Erfahrungen anderen helfen zu können.

Während sie mir ihre Lebensgeschichte erzählt, berichtet sie von ihrem wichtigsten Ziel, ihren Sohn zu einem mutigen und unabhängigen Menschen zu erziehen, damit er eines Tages, wenn sie und die Großeltern nicht mehr da sind, seinen Weg allein weitergehen kann.
In meinem Herzen habe ich den Wunsch, dem Jungen zu sagen, daß er sehr stolz auf seine Mutter sein kann, die ihr hartes Schicksal bewältigt hat und sich von Diskrimination und Rückschlägen und großen Schwierigkeiten nicht entmutigen läßt .

Gemeinsam mit meinem Mann habe ich eine Patenschaft für Tuan und für ein weiteres Kind übernommen, um die Kinder zu unterstützen und ihnen zu helfen, einen guten Weg für ihr Leben zu finden.

Hai Nguyen


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